{"id":14808,"date":"2020-11-09T15:26:32","date_gmt":"2020-11-09T15:26:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.re-check.ch\/wordpress\/?p=14808"},"modified":"2024-10-30T07:10:02","modified_gmt":"2024-10-30T07:10:02","slug":"soins-intensifs-satures-d","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.re-check.ch\/fr\/soins-intensifs-satures-d\/","title":{"rendered":"Die Intensivstationen sind voll und die Spit\u00e4ler rufen um Hilfe: Wie der Pandemie-Journalismus erneut zuschl\u00e4gt"},"content":{"rendered":"<h5><\/h5>\n<h5><span style=\"color: #008faf;\">von Catherine Riva und Serena Tinari, Re-Check.ch<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #008faf;\">Ver\u00f6fentlicht am 7.11.2020<\/span><strong><span style=\"color: #008faf;\"><br \/>\n<\/span><\/strong><\/h5>\n<p>Lire l&rsquo;article en fran\u00e7ais (<a href=\"https:\/\/www.re-check.ch\/fr\/soins-intensifs-satures\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ici<\/a>)<\/p>\n<p>Die Schweiz wird gegenw\u00e4rtig von einer \u00e4usserst emotionalen Medienberichterstattung \u00fcber die Auslastung der Intensivstationen im COVID19-Kontext beherrscht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/SRF.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-14786 alignleft\" src=\"https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/SRF-300x178.png\" alt=\"\" width=\"388\" height=\"230\" srcset=\"https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/SRF-300x178.png 300w, https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/SRF-200x119.png 200w, https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/SRF-400x238.png 400w, https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/SRF-600x357.png 600w, https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/SRF.png 681w\" sizes=\"(max-width: 388px) 100vw, 388px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Tagi.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-14787 alignleft\" src=\"https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Tagi-300x265.png\" alt=\"\" width=\"342\" height=\"302\" srcset=\"https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Tagi-300x265.png 300w, https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Tagi-200x177.png 200w, https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Tagi-400x354.png 400w, https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Tagi-600x530.png 600w, https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Tagi.png 758w\" sizes=\"(max-width: 342px) 100vw, 342px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich der Pressekonferenz des Bundesrates vom 4. November 2020 erkl\u00e4rte Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim BAG: \u00abDie neuesten mir vorliegenden Zahlen sind 440 Personen auf der Intensivstation, die nicht mit Covid in Verbindung stehen, 363 Personen die mit Covid in Verbindung stehen und 324 freie Pl\u00e4tze. Aber das \u00e4ndert sich sehr schnell, aber die Reserve betr\u00e4gt etwa 27%.\u00bb (siehe Video unten)<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/aLeC23VwKTg?start=2287\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Diese Erkl\u00e4rung hat eine wahre Flut von Medienberichten im Land ausgel\u00f6st und zweifellos die \u00c4ngste der Bev\u00f6lkerung, die bereits unter grossem Druck steht, verst\u00e4rkt. Aber noch einmal: Was in den vielen Berichten leider fehlt sind Bezugspunkte und Elemente, die die Dinge ins rechte Licht r\u00fccken.<\/p>\n<p>Sind die Bedingungen, unter denen diese Dienste heute arbeiten, wirklich so aussergew\u00f6hnlich wie es die Medien behaupten? Die Antwort ist um einiges differenzierter.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig werden drei Hauptargumente genannt, die daf\u00fcrsprechen sollen, dass die Situation in den Krankenh\u00e4usern bald kippen oder sogar ausser Kontrolle geraten k\u00f6nnte:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Belegung soll in einigen Einrichtungen <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/corona-grafiken-so-ausgelastet-sind-die-intensivstationen-wegen-corona\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">bei \u00fcber 75% liegen<\/a>.<\/li>\n<li>Das Pflegepersonal k\u00f6nnte bald gezwungen werden, eine <a href=\"https:\/\/www.blick.ch\/wirtschaft\/spitaeler-bereiten-sich-auf-triage-vor-aerzte-muessen-harte-entscheide-treffen-so-bestimmen-sie-wer-leben-und-wer-sterben-soll-id16174000.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Triage<\/a> durchzuf\u00fchren. Das w\u00fcrde bedeuten, dass die Aufnahme einiger Patienten auf die Intensivstation infolge Platzmangels nicht mehr m\u00f6glich ist.<\/li>\n<li>Die Hilferufe der Krankenh\u00e4user nehmen zu.<\/li>\n<\/ol>\n<h4><strong><span style=\"color: #993300;\">Zu Punkt 1:<\/span><\/strong><\/h4>\n<p>Eigentlich ist eine Belegung von 75% auf Intensivstationen normal, auch ohne COVID19. Intensivstationen stossen regelm\u00e4ssig an ihren Belastungsgrenzen. Bereits 2007 <a href=\"https:\/\/www.revmed.ch\/RMS\/2007\/RMS-137\/32759\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">erinnerten<\/a> Ren\u00e9 L. Chiolero, Leiter der Intensivstation f\u00fcr Erwachsene des CHUV (Lausanne) und Jean-Claude Chevrolet, Chefarzt der HUG-Intensivstation (Genf) zum Beispiel an den grossen Unterschied \u00abzwischen den Intensivstationen und den anderen klinischen Abteilungen. Erstere m\u00fcssen mehrere Zustr\u00f6me aus fast allen Abteilungen des Krankenhauses bew\u00e4ltigen, dies im Gegensatz zu den klinischen Abteilungen, die ihrerseits nur eine einzige Verbindung mit der Intensivstation haben. Dieser Umstand wird durch die sehr begrenzte Anzahl von Betten, die auf der Intensivstation betrieben werden im Vergleich zu Zwischenstationen und Patientenabteilungen, noch zus\u00e4tzlich erschwert. In einem modernen Krankenhaus liegt der Anteil der Intensivbetten zwischen 5 und 10 Prozent der Gesamtbettenanzahl. In grossen Krankenh\u00e4usern mit einem grossen Strom aus der Notaufnahme f\u00fchrt dies dazu, dass die Intensivstation meist auf einer Just-in-time-Basis arbeitet. <strong>Diese Beobachtung zeigt, dass die Intensivstation ein echter Engpass im Krankenhaus ist, der leicht ges\u00e4ttigt werden kann und manchmal nicht mehr in der Lage ist, seinen Auftrag zu erf\u00fcllen<\/strong>\u00bb.<\/p>\n<p>Dieser Just-in-Time-Betrieb und seine Folgen betreffen insbesondere die Universit\u00e4tskliniken: so stellte das CHUV in seinem <a href=\"https:\/\/rapportsannuels.chuv.ch\/activite\/2017\/1-1-evolution-de-l-activite-d-hospitalisation-et-d-hebergement\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Jahresbericht <strong>2017<\/strong><\/a> fest, dass <strong>die Belegung \u00abauf der Intensivstation (&#8230;) weiterhin (&#8230;) nahe bei 90% liegt, w\u00e4hrend bei den Akutbetten das Optimum bei 85% liegt\u00bb. Derselbe Bericht stellte fest, dass zwischen 2015 und 2017 die Belegung in der Intensivpflege f\u00fcr Erwachsene zwischen 90,9% und 93,4% lag<\/strong>.<\/p>\n<h4><strong><span style=\"color: #993300;\">Zu Punkt 2:<\/span><\/strong><\/h4>\n<p>Auch die Frage der Triage auf der Intensivstation ist nichts Neues. Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften stellt in ihrer Brosch\u00fcre <a href=\"https:\/\/www.assm.ch\/de\/Ethik\/Themen-A-bis-Z\/Intensivmedizin.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Medizinisch-ethische Leitlinien: Intensivmedizinische Massnahmen<\/em><\/a> fest: \u00abBei der Aufnahme auf die Intensivstation \u00fcbernimmt der verantwortliche Facharzt f\u00fcr Intensivmedizin die Rolle eines Gate-Keepers. Sterbende Patienten sowie Patienten, die keine reelle Aussicht haben, je wieder von intensivmedizinischen Massnahmen unabh\u00e4ngig zu werden, sollen nur in begr\u00fcndeten Ausnahmesituationen in die Intensivstation aufgenommen werden (&#8230;) Die Hospitalisation in der Intensivstation kann zu einer zus\u00e4tzlichen Traumatisierung f\u00fchren. In die Intensivstation aufgenommen werden Patienten in einem lebensbedrohlichen Zustand oder mit dem Risiko auf Entwicklung eines solchen. Letzteres betrifft insbesondere auch Patienten nach einem operativen oder anderen invasiven Eingriff, der aufgrund seines Ausmasses oder wegen vorhandener Komorbidita\u0308ten vital gef\u00e4hrdend sein k\u00f6nnte. Die Intensivtherapie ist bei diesen Patienten aber nur dann indiziert, wenn die Aussicht besteht, dass die R\u00fcckkehr in ein angemessenes Lebensumfeld m\u00f6glich ist. Sterbende Patienten sowie Patienten ohne Aussicht darauf, je wieder von intensivmedizinischen Massnahmen unabh\u00e4ngig zu werden, sollen demzufolge unter normalen Umst\u00e4nden nicht in eine Intensivstation aufgenommen werden.\u00bb<\/p>\n<p>Im Falle des Coronavirus-Ausbruchs betrifft dieses Thema insbesondere die Betreuung \u00e4lterer Patienten. Aber auch hier handelt es sich nicht um ein neues Thema, welches erst mit COVID19 in den Fokus geriet. In einer Gesellschaft, die immer \u00e4lter wird, ist die Rolle der Intensivpflege eine zentrale und auch Gegenstand von Forschung und Diskussion. Ein Artikel in der <a href=\"https:\/\/www.revmed.ch\/RMS\/2009\/RMS-229\/Patient-age-aux-soins-intensifs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Revue M\u00e9dicale Suisse<\/a> von 2009 erinnert daran, dass bei Ger\u00e4ten zur Reanimation <strong>\u00abviele Fragen aus medizinischer, ethischer und wirtschaftlicher Hinsicht bei der Versorgung \u00e4lterer Patienten beantwortet werden m\u00fcssen\u00bb und dass die \u00abzugrunde liegende Frage die der Prognose (&#8230;) und damit die der Sinnlosigkeit der Pflege\u00bb<\/strong> ist.<\/p>\n<h4><strong><span style=\"color: #993300;\">Zu Punkt 3:<\/span><\/strong><\/h4>\n<p>In den Berichten, die bisher \u00fcber die \u00abHilferufe\u00bb verschiedener Spit\u00e4ler berichtet haben, fehlte bisher immer eine grundlegende Information: Die Besonderheit des <a href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/gesundheitspolitik_das-schweizer-gesundheitswesen-kurz-erklaert\/44136626\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Finanzierungsmodells<\/a> der Schweizer Spit\u00e4ler. Die Einnahmen der Spit\u00e4ler sind weitgehend von ambulanten Leistungen abh\u00e4ngig, insbesondere von elektiven Operationen. Gegenw\u00e4rtig gibt es einen <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/play\/tv\/10vor10\/video\/deutschschweizer-spitaeler-muessten-sich-solidarisch-zeigen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Machtkampf<\/a> zwischen verschiedenen Kantonen und dem Bundesrat, sowie zwischen Bern und einzelnen Spit\u00e4lern. Bern w\u00fcnscht sich, dass die Kantone ihre Spit\u00e4ler zwingen, auf diese Eingriffe zu verzichten. <strong>Wobei klargestellt wird, dass es keine finanzielle Entsch\u00e4digung geben wird.<\/strong> Es sei jedoch daran erinnert, dass<strong> viele Krankenh\u00e4user im April <a href=\"https:\/\/www.rts.ch\/info\/suisse\/11251631-des-hopitaux-demandent-le-chomage-partiel-alors-quils-utilisent-larmee.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kurzarbeit<\/a> beantragt haben, ohne zu wissen, ob sie Anspruch darauf haben<\/strong>. Nun scheint es jedoch so, dass die Antwort (<a href=\"https:\/\/www.medinside.ch\/de\/post\/kein-anspruch-fuer-spital-mitarbeitende-in-kurzarbeit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">1<\/a>) (<a href=\"https:\/\/www.heimeundspitaeler.ch\/management\/entschaedigung-von-spitaelern-im-zusammenhang-mit-covid-19-massnahmen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">2<\/a>) im Falle \u00f6ffentlicher Einrichtungen negativ ist und diese somit nicht entsch\u00e4digt werden. Die \u00abHilferufe\u00bb einiger Krankenh\u00e4user m\u00fcssen daher auch vor diesem Hintergrund geh\u00f6rt und gelesen werden und nicht nur vor dem Hintergrund der Pandemie.<\/p>\n<p>Zum Thema Intensivstationen: Die t\u00e4glich in den Medien publizierten und aktualisierten Infografiken, die die dargestellten Zahlen nicht in einen Kontext stellen, vermitteln der Bev\u00f6lkerung kein evidenzbasiertes Bild der Situation in den Schweizer Spit\u00e4lern. Sie erm\u00f6glichen es der \u00d6ffentlichkeit auch nicht zu verstehen, inwiefern die Situation wirklich aussergew\u00f6hnlich und besorgniserregend ist, oder ob sie eher auf die Art und Weise zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, wie das Gesundheitssystem in unserem Land funktioniert.<\/p>\n<p>In einer idealen Welt sollten die Vertreterinnen und Vertreter der eidgen\u00f6ssischen und kantonalen Exekutive diese Punkte deutlich machen, wenn sie sich zu diesen Daten \u00e4ussern.<\/p>\n<p>Da wir jedoch nicht in einer idealen Welt leben, f\u00e4llt diese Rolle im Prinzip den Medien zu. Es liegt an ihnen, diese Fragen zu stellen, Informationen zu suchen und der \u00d6ffentlichkeit die Mittel an die Hand zu geben, die Ereignisse im Zusammenhang interpretieren zu k\u00f6nnen. Aber eben auch die Regierung direkt mit diesen Fakten zu konfrontieren. Die grosse Frage ist also: Wo sind die Journalisten?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/2000px-cc_by-nc-nd_euro_icon-s-1-e1605614428701.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-15117\" src=\"https:\/\/www.re-check.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/2000px-cc_by-nc-nd_euro_icon-s-1-e1605614428701.png\" alt=\"\" width=\"60\" height=\"21\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Catherine Riva und Serena Tinari, Re-Check.ch Ver\u00f6fentlicht am 7.11.2020 Lire l&rsquo;article en fran\u00e7ais (ici) Die Schweiz wird gegenw\u00e4rtig von einer \u00e4usserst emotionalen Medienberichterstattung \u00fcber die Auslastung der Intensivstationen im COVID19-Kontext beherrscht. Anl\u00e4sslich der Pressekonferenz des Bundesrates vom 4. 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